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Ralf Schuricht: Taratalla. Latein Grammatik, 2009 <www.taratalla.de>.

4.1 Subjekt und Prädikat

4.1.2 Tempus

Der Tempusgebrauch des Lateinischen ähnelt in großen Teilen dem des Deutschen, was nicht weiter verwundert, da beide Sprachen indogermanischen Ursprungs sind. Entscheidende Unterschiede gibt es vor allem beim Gebrauch von Imperfekt und Perfekt. Das liegt daran, dass das eigentliche indogermanische Erzähltempus der Vergangenheit, der Aorist, im Lateinischen mit dem Perfekt verschmolzen ist, im Deutschen mit dem Imperfekt. Letzteres wird daher in der modernen deutschen Grammatik auch nicht als Imperfekt, sondern als Präteritum bezeichnet.
Prsens
Mit dem Präsens werden vornehmlich Handlungen und Zustände ausgedrückt, die in der Gegenwart stattfinden. Sie können dabei bis weit in die Vergangenheit zurückreichen, einer Vollendung erst in der Zukunft entgegensehen oder auch zeitlose Gültigkeit beanspruchen.
Fulget. – Es blitzt.
Ex eō tempore Rōmae vīvō. – Seitdem lebe ich in Rom.
In Italiam iter faciō. – Ich reise nach Italien.
Āqua ūmida est. – Wasser ist nass.
Der Aspekt der Handlung (z.B. punktuell, andauernd, wiederholt, beginnend) kann hervorgehoben werden durch ein im Präsensstamm enthaltenes Suffix sowie durch verbale oder adverbiale Zusätze:
In Italiam proficīscitur. – Er bricht nach Italien auf (= beginnt zu reisen).
Gladiātōrēs pūgnāre incipiunt. – Die Gladiatoren beginnen zu kämpfen.
Iterum iterumque hunc librum legō. – Ich lese dieses Buch immer wieder.
Gelegentlich werden auch einmalige Handlungen der Vergangenheit im historischen Präsens ausgedrückt, vorzugsweise in (eher kurzen) Hauptsätzen, um die Darstellung lebhafter zu gestalten. Oft werden auch historisches Präsens und Perfekt im selben Satz nebeneinander gebraucht:
Caesar loquendī fīnem facit (!) sēque ad suōs recēpit. – Caesar beendete die Unterhaltung und zog sich zu seinen Leuten zurück.
Imperfekt
Wie der Name schon sagt, bezeichnet das Imperfekt unvollendete Handlungen der Vergangenheit, woraus sich die folgenden Aspekte und Übersetzungsmöglichkeiten ergeben.
Handlungen von längerer Dauer bzw. Hintergrundhandlungen ohne festen Anfang oder Ende:
Puella illa rubripilleāta per silvam ambulābat. Subitō lupus māgnus appāruit. – Rotkäppchen ging durch den Wald spazieren. Plötzlich erschien ein großer Wolf.
Wiederholte Handlungen:
Antīquīs temporibus poētae arcēs prīncipum adībant. – In alten Zeiten pflegten Dichter die Burgen der Fürsten aufzusuchen.
Nur begonnene bzw. versuchte Handlungen, die aber nicht abgeschlossen wurden:
Asinus tigrem fugiēbat, sed captus et lacerātus est. – Der Esel versuchte vor dem Tiger zu fliehen, wurde aber gefangen und zerfleischt.
Gelegentlich auch irreale Handlungen, insbesondere bei posse oder dēbēre:
Poteram morbōs appellāre, sī ... – Ich könnte sie als Krankheiten bezeichnen, wenn ...
Perfekt
In Fortführung der Funktionen des alten Aorist drückt das historische Perfekt einmalige, punktuelle Handlungen der Vergangenheit aus. Damit ist es das eigentliche Erzähltempus der Vergangenheit, das wir in der deutschen Schriftsprache gewöhnlich mit dem Präteritum wiedergeben:
Brennus Italiam invāsit, legiōnēs Rōmānōrum ad Ālliam flūmen vīcit, Rōmam contendit. – Brennus fiel in Italien ein, besiegte die röm. Legionen an der Allia und marschierte auf Rom.
Im gesprochenen Deutschen verwenden wir anstelle des Präteritums jedoch häufig auch das Perfekt als Erzähltempus der Vergangenheit. Mit diesem konstatierenden Perfekt drücken wir aus, dass ein Vorgang der Vergangenheit für uns endgültig abgeschlossen ist. Gerade diese Distanzierung setzt als Gegenpol die Gegenwart und Anteilnahme des Sprechers voraus, weshalb das konstatierende Perfekt (im Deutschen wie im Lateinischen) vor allem dann verwendet wird, wenn wir von unseren persönlichen, unwiderbringlichen Erlebnissen der Vergangenheit erzählen:
Paula narrat: "Prīmum in forum iimus. Deinde cūriam et templa quaedam vīsitāvimus. ..." – Paula erzählt: "Zuerst sind wir auf das Forum gegangen. Dann haben wir die Kurie und einige Tempel besichtigt. ..."
Auch das resultative Perfekt steht in enger Verbindung zur Gegenwart des Sprechers. Es drückt aus, dass eine Handlung der Vergangheit geschehen ist, dessen Ergebnis (Resultat) in der Gegenwart gültig ist. Auch im Deutschen verwenden wir hier stets das Pefekt, da dies die ursprüngliche Funktion des indogermanischen Perfekts ist.
Vīlicus servum interrogāvit: "Pūrgāvistīne stabulam?" – Der Verwalter fragte den Sklaven: Hast du den Stall gesäubert?" (= Ist der Stall zum Zeitpunkt der Frage sauber?)
Marcus gaudet: "Omnēs in currendō vīcī! – Marcus freut sich: "Ich habe alle im Wettlauf besiegt!" (= Ich bin schneller als alle anderen.)
Besonders deutlich wird der resultative Aspekt beim Perfekt Passiv. Oft ist nur schwer zu entscheiden, ob ein gegenwärtiger Zustand gemeint ist oder die Handlung, mit der eine Person oder Sache in diesen Zustand versetzt worden ist. Eine analoge Verwendung dieses resulatitven Partizips setzte dann auch im Aktiv ein und führte zu den zusammengesetzten Perfektformen mit "haben", die wir in vielen modernen Sprachen finden:
Stabulum pūrgatum est. – Der Stall ist gesäubert (worden).
Stabulum pūrgatum habeō. – Ich habe den Stall gesäubert. / Ich habe einen gesäuberten Stall.
Plusquamperf.
Das Plusquamperfekt wird verwendet, um die Vorzeitigkeit zu einer anderen Handlunge der Vergangenheit auszudrücken. Dabei ist es unerheblich, ob die vorzeitige Handlung durativ, punktuell oder resultativ gemeint ist:
Via ūmida erat. Anteā duōs mēnsēs torrida fuerat. – Die Straße war nass. Vorher war sie zwei
Monate lang trocken gewesen.
Via ūmida erat. Nam anteā pluerat. – Die Straße war nass. Denn es hatte vorher geregnet.
Via pūrgāta erat. – Die Straße war gesäubert worden / war sauber.
Futur I
Das Futur I wird verwendet, um punktuelle oder auch länger andauernde Handlungen der Zukunft auszudrücken:
Prīmum lavabor, deinde Rōmam proficīscar. – Zuerst werde ich mich waschen, dann nach Rom aufbrechen.
Diū Rōmae manēbō. – Ich werde lange in Rom verweilen.
Im Lateinischen wird das Futur viel sorgfältiger beachtet als im Deutschen, wo wir auch zukünftige Handlungen gerne mit dem Präsens wiedergeben.
Futur II
Das Futur II, auch Perfektfutur genannt, bezeichnet Handlungen, die in der Zukunft vollendet werden. Man findet es vor allem in Nebensätzen, um die Vorzeitigkeit zu einer anderen zukünftigen Handlung auszudrücken:
Tertiā hōrā eōs iam vīcerimus.. – Um die dritte Stunde werden wir sie schon besiegt haben.
Via ūmida erit, quod anteā pluerit. – Die Straße wird nass sein, weil es vorher geregnet haben wird.
Im Deutschen neigen wir dazu, unsere schwerfälligen Formen des Futur II sooft wie möglich entweder durch das (vorzeitige) Perfekt oder durch gleichzeitige Verbformen im Futur I oder Präsens zu ersetzen.
Coniugatio
periphrastica
(activa)1
Während das einfache Futur I Handlungen beschreibt, die irgendwann in der Zukunft eintreten, drückt die umschreibende Konjugation, die mit dem Partizip Futur Aktiv und einer Verbform von esse gebildet wird, eine bevorstehende Handlung aus, die in der Fähigkeit, Absicht oder Bestimmung des Sprechers liegen:
Audītūrīne estis? – Seid ihr bereit zuzuhören?
Epistulam scrīptūrus sum. – Ich beabsichtige einen Brief zu schreiben.
In corporibus aegrīs nihil, quod nocitūrum est, medicī relinquunt. – In kranken Körpern lassen
die Ärzte nichts zurück, was schaden kann.
Quid timeam, sī aut nōn miser post mortem aut beātus etiam futūrus sum? – Was soll ich mich
fürchten, wenn es meine Bestimmung ist, nach dem Tod entweder nicht elendig oder sogar
glücklich zu sein?
Das Partizip Futur Aktiv kann dabei mit allen Tempora und Modi von esse kombiniert werden, insbesondere in Nebensätzen:
Epistulās, quās missūrus fuerat, numquam scrīpsit. – Die Briefe, die er hatte schicken wollen, hat er niemals geschrieben.
Nōs interrogāvit, quid factūrī essēmus. – Er fragte uns, was wir zu tun beabsichtigten.
Der Infinitiv Perfekt wird für irreale Aussagen im aci der indirekten Rede gebraucht:
Dīxit sē eōs audītūrum fuisse, sī cantāvissent. – Er sagte, er hätte ihnen zugehört, wenn sie gesungen hätten.
1
Das Gerundivum mit esse, das ebenfalls in die Zukunft verweist und ausdrückt, dass eine Handlung noch getan werden muss, wird auch als coniugatio periphrastica passiva bezeichnet. Im weiteren Sinne des Wortes stellen auch alle Verbformen, die mit dem Part. Perf. Pass. und Formen von esse gebildet werden, eine umschreibende Konjugation dar, ferner die eher seltene Kombination aus Part. Präs. Akt. und Formen von esse (z.B. amāns fuī – ich bin verliebt gewesen).
4.1.1 Kongruenz 4.1.3 Modus 4.1.4 Genus verbi
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